IMG 0157kStreuobstwiesen sind Kulturgut und versorgen Hessinnen und Hessen unter anderem mit Apfelsaft und Äppler. Das soll nun stärker gefördert werden - Vereine und Privatpersonen profitieren.

Hessenschau online vom 2.7.2026, Bild: IKF

Apfelproduzent, Schattenspender, Artenvielfaltförderer: Streuobstwiesen haben viele Aufgaben - und sind seit Jahrhunderten hessisches Kulturgut, wie das Landwirtschaftsministerium am Donnerstag betonte. Künftig soll das mehr gefördert werden.

Privatpersonen, Vereine und Verbände können Förderung für die Neu- und Nachpflanzung und für die Pflege von Streuobstwiesen beantragen.

Außerdem soll es einen Zuschuss zur Ernte und Unterstützung für die Keltereien geben. "Sie prägen unsere Landschaft und sind zugleich Hotspots der Artenvielfalt", sagte Landwirtschaftsminister Ingmar Jung (CDU): "Wir unterstützen alle, die sich für unsere Streuobstwiesen engagieren." Dafür stellt das Land jährlich nun bis zu einer Million Euro bereit, wie das Ministerium weiter mitteilte.

Wichtige Fragen und Antworten zu den hessischen Streuobstwiesen im Überblick:

Was macht Streuobstwiesen so wertvoll?
Insekten, Fledermäuse, Vögel: Dank ihrer zumeist extensiven Bewirtschaftung mit seltener Mahd bieten Streuobstwiesen den perfekten Lebensraum für viele Tierarten. Die teils über 100 Jahre alten Bäume bieten natürliche Höhlen als Nistplätze und grobe Rindenstrukturen als Verstecke, etwa für Steinkäuze und Zwergfledermäuse, wie Nicola Boeye vom Landschaftspflegeverband Main-Taunus sagt.

Auch Totholz-Bäume werden zu Wohnstätten - hier zimmern Spechte ihre Höhlen, die auch von Garten- und Siebenschläfern, Meisen und Staren bewohnt werden. Je nach Bodenbeschaffenheit finden sich auch selten gewordene Pflanzenarten auf Streuobstwiesen. Und nicht zuletzt reifen hier alte Obstsorten heran wie die Berliner Schafsnase und Gravensteiner - beides aromatische Apfelsorten, die andernorts kaum noch zu finden sind.

Wie geht es Hessens Streuobstwiesen?
Viele dieser wertvollen Biotope haben in den vergangenen Jahrzehnten arg gelitten. Manche sind sogar ganz verschwunden. Jüngsten Erhebungen zufolge gibt es laut Streuobstwiesenzentrum Hessen noch rund 17.500 dieser Biotope auf einer Fläche von insgesamt rund 9.100 Hektar. Teils unklare Besitzverhältnisse sorgten dafür, dass zahlreichen Streuobstwiesen jahrelang zu wenig Pflege zukam.

Hinzu kommen die Folgen des Klimawandels, die sich ganz aktuell auch während der gerade zurückliegenden Hitzewelle zeigten: Die Bäume hätten nicht nur Trockenstress, auch ihre Blätter seien für Temperaturen von 30 bis 40 Grad nicht ausgelegt, sagt Boeye. Ihre Rinde könne aufplatzen, Schädlinge vermehrten sich schneller als früher. So macht dem Landschaftspflegeverband auf den 20 zugehörigen Streuobstwiesen der Schmetterling Blausieb zu schaffen, dessen Raupen am Holz der Bäume fressen und sie so auch zum Absterben bringen könne.

Wie steht es um das Engagement?
Aber es gibt auch gute Nachrichten: Wieder mehr Menschen als noch vor einigen Jahren engagieren sich für den Fortbestand und lassen sich beispielsweise als Baumwarte ausbilden, erlernen also alles rund um Obstbaumschnitt und Pflege der Streuobstwiese. Die Nachfrage nach solchen Lehrgängen sei derzeit stabil, sagt Boeye.

Auch beim Streuobstwiesenzentrum Hessen melden sich laut Projektleiter Andreas Baumann immer wieder Menschen, die etwa Streuobstgrundstücke von den Großeltern geerbt haben, diese gerne erhalten und sich dazu beraten lassen möchten - eine erfreuliche Entwicklung, wie Baumann findet. Einen besseren und aktiveren Beitrag zum Artenschutz könne man kaum leisten.

Welches sind die Kernelemente der neuen Richtlinie?
Die Richtlinie zielt auf mehrere Punkte ab: Neben der Neu- und Nachpflanzung hochstämmiger Obstbäume wird die langfristige Pflege bestehender Streuobstwiesen unterstützt mit einer an das Alter der Bäume angepassten Förderung. Je neu gepflanztem Streuobstbaum etwa beträgt der Fördersatz 105 Euro.

Auch die Pflanzung aus Direktsaaten und sogenannten Sämlingsunterlagen wird gefördert. Bei letzterem handelt es sich um die Wurzeln und den unteren Stamm von Obstbäumen, die aus Samen herangezogen werden. Unterstützung gibt es außerdem für Erntearbeiten und für die Einrichtung regionaler Streuobst-Annahmestellen. Baumann vom Streuobstzentrum Hessen lobt die neue Richtlinie.

Vielversprechende Formen der Neupflanzung würden damit unterstützt und die Förderung komme allen zugute, die sich um Streuobstwiesen kümmern - von der Privatperson bis zur Waldbesitzervereinigung und zum kleinen bis mittleren Landwirtschaftsbetrieb.

Was kann jeder zur Bewahrung beitragen?
Bei der Pflege und Ernte helfen, sich in Naturschutzvereinen und Streuobstinitiativen engagieren: Das sind Wege, zum Schutz der Biotope beizutragen. Wer dabei beispielsweise Äpfel, Birnen oder Kirschen auf Streuobstwiesen erntet, sollte aber auf einen sorgsamen und verantwortungsvollen Umgang mit diesen sensiblen Flächen achten.

Zu beachten ist: Die Bäume oder Flächen müssen ausdrücklich für das Pflücken freigegeben sein - wildes Abernten hingegen ist Diebstahl.


Streuobstwiesen in Hessen zum Entdecken

  1. Lohrberg und Berger Hang (Frankfurt): Das Streuobstgebiet am Berger Hang gilt als das größte zusammenhängende seiner Art in Hessen. Rund um den Lohrberg führen Spazierwege zwischen alten Apfel-, Birnen- und Kirschbäumen entlang. Von den Wiesen aus bieten sich weite Ausblicke auf die Frankfurter Skyline. Das MainÄppelHaus informiert über alte Obstsorten und die hessische Apfelweinkultur.

  2. Ockstädter Kirschenberg (Friedberg-Ockstadt): Die Hänge rund um Ockstadt gehören zu den bekanntesten Streuobstlandschaften Hessens und sind Teil der hessischen Streuobststrategie. Das Gebiet beeindruckt mit seinem Mosaik aus Obstbäumen, Hecken und Hohlwegen und bietet weite Ausblicke über die Wetterau.

  3. Kirdorfer Feld (Bad Homburg): Das Kirdorfer Feld zählt zu den ökologisch wertvollsten Kulturlandschaften im Rhein-Main-Gebiet. Streuobstwiesen wechseln sich hier mit Feuchtwiesen, Quellen und Hecken ab – eine Kombination, die zahlreichen seltenen Tier- und Pflanzenarten Lebensraum bietet. Rundwege führen durch das geschützte Gebiet und machen die Vielfalt der Landschaft erlebbar.

  4. Streuobstwiesen bei Wiesbaden-Rauenthal: Zwischen Weinbergen und den Ausläufern des Taunus prägen weitläufige Streuobstwiesen die Landschaft rund um Rauenthal. Alte Obstbäume, offene Wiesen und zahlreiche Wanderwege machen das Gebiet zu einem abwechslungsreichen Ausflugsziel. Besonders reizvoll ist die Verbindung aus traditioneller Obstkultur und den typischen Weinbergslagen des Rheingaus.
  5. Streuobstroute Dautphetal (Lahn-Dill-Bergland): Wer Streuobstwiesen aktiv erleben möchte, findet auf der rund zehn Kilometer langen Premiumwanderung in Dautphetal ideale Bedingungen. Die Route führt durch ausgedehnte Streuobstbestände, Wacholderheiden und vorbei am Lautzebach-Weiher. Unterwegs eröffnen sich immer wieder weite Blicke über das Lahn-Dill-Bergland.


Sendung: hr1, 02.07.26, 16:30 Uhr
Quelle: hessenschau.de